Im Zentrum der Begutachtung steht das ausführliche persönliche Gespräch mit dem Patienten einschließlich einer sorgfältigen Anamneseerhebung und einer validen diagnostischen Einschätzung unter Nutzung aller verfügbaren Informationsquellen. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist die individuelle Vorgeschichte und der bisherige Verlauf der Erkrankung sehr bedeutsam. Letztlich ist nur auf der Basis eines differenzierten Quer- und Längsschnittbildes eine begründete Einschätzung der Leistungsfähigkeit sowie der sozialmedizinischen Prognose möglich.

 

Bei Bedarf können auch neuropsychologische Testverfahren eingesetzt werden, um mögliche Leistungseinschränkungen sowie individuelle Potenziale standardisiert zu erfassen. Testpsychologische Zusatzbegutachtungen sind insbesondere bei kognitiven Einschränkungen z.B. im Rahmen möglicher hirnorganisch bedingter Beeinträchtigungen sinnvoll.

 

Beschwerdevalidierungstests können hilfreich sein, kommen aber bei psychischen Erkrankungen oft an Leistungsgrenzen, da die gesamte Lebenssituation einschließlich struktureller und psychoneurotischer Determinanten wesentlichen Einfluss auf die Leistungs- und Belastungsfähigkeit des Patienten hat.

 

Das sogenannte Belastungs-Beanspruchungsmodell (Rohmert und Rutenfranz 1975) aus der Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts unternimmt die sehr sinnvolle Unterscheidung zwischen der Arbeitsbelastung als Gesamtheit der äußeren Bedingungen und Anforderungen im Arbeitssystem, die sowohl auf den physiologischen als auch psychologischen Zustand einer Person einwirken, und der Arbeitsbeanspruchung als innere Reaktion der Personen auf die Arbeitsbelastung, beeinflusst von zahlreichen individuellen Merkmalen wie körperlicher Konstitution, Fähigkeiten und Fertigkeiten.

 

Aus heutiger Sicht kann dieses eher mechanistische Modell auch dynamisch /systemisch verstanden werden mit einer Betonung der komplexen Wechselwirkungen zwischen der Arbeitsbelastung im Rahmen der spezifischen organisatorischen, prozessualen und zwischenmenschlichen Rahmenbedingungen der Arbeitssituation  und der Arbeitsbeanspruchung auf der Basis individueller Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie zahlreicher psychologischer Dimensionen einschließlich persönlicher Werthaltungen, biografischer Belastungen und Verletzlichkeiten.

 

Bedeutsam sind nicht selten auch Belastungen aus dem Privatleben des Patienten, wie Partnerschaftsprobleme oder finanzielle Nöte, die als modulierende Variable das Maß der Arbeitsbeanspruchung erheblich erhöhen.

 

Die eigene Gutachtererfahrung zeigt, dass in der heutigen Zeit, mit häufig rein äußerlich sehr ähnlichen Arbeitssituationen am PC und Schreibtisch, die Arbeitsbeanspruchung sehr stark von zwischenmenschlichen und interaktionellen Konfliktlagen bestimmt wird einschließlich Problemen im Arbeitsteam und mit der Führungskraft. Länger gehende psychosoziale Stressbelastungen können dann zu erheblichen Beeinträchtigungen führen, die schwere psychische Erkrankungen induzieren können.

 

 

Rohmert, Walter; Rutenfranz, Joseph (1975): Arbeitswissenschaftliche Beurteilung der Belastung und Beanspruchung an unterschiedlichen industriellen Arbeitsplätzen. Bonn: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung.